Antifaschistischer Gedenkrundgang nach Markleeberg und Gaschwitz

70 Teilnehmer*innen trafen sich mit Fahrrädern am Donnerstag den 6. August zu einem antifaschistischen Gedenkrundgang. Die Route führte vom Leipziger Süden über Markleeberg nach Gaschwitz und zurück. Entlang der Strecke machte die Gruppe an verschiedenen Stationen mit historischem und aktuellem Bezug halt. An diesen wurden kurze Redebeiträge mit Informationen zu den einzelnen Orten gehalten.

Der erste Halt war der Equipagenweg in Markleeberg. Hier befand sich von 1944 bis zum 13. April 1945 ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald. Im Redebeitrag wurde auf die Geschichte des Lagers eingangen und Berichte der Zeitzeugin Zahava Stessel vorgetragen.

Redebeitrag Equipagenweg: https://ladenschluss.noblogs.org/2020/08/06/antifaschistischer-gedenrundgang-nach-markleeberg-und-gaschwitz-redebeitrag-zum-ehemaligen-kz-aussenlager-am-equipagenweg/

Die nächste Station führte die Gruppe zur Neusässer Straße in Markleeberg. Teilnehmer*innen der Tour schlugen spontan einen Zwischenstopp vor und klärten die Gruppe über den Ort auf. Hier betreibt der Zahnarzt Gunnar G. seine Praxis. Laut Recherchen der Taz und von Sachsen-Anhalt Rechtsaußen gehört G. mutmaßlich zu einer Gruppe rechtsradikaler Prepper aus Sachsen und Sachsen-Anhalt die sich in Chatgruppen auf einen vermeintlich bevorstehenden “Rassenkrieg” vorbereiteten und für diesen Fall einen Rückzugsort im Ort Beuden in der Nähe von Krostiz bei Leipzig einrichten wollten. Teile der Gruppe sind auch Mitglieder der rechtsradikalen Burschenschaft Germania aus Leipzig.

Die letze Station wurde schließlich in Gaschwitz erreicht. Hier wurde am 4. Juli 1998 der portugiesische Zimmermann Nuno Lourenço von Neonazis aus Leipzig und dem Leipziger Umland angegriffen. Die Neonazis hatten nach der Niderlage der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM in Frankreich beschlossen Jagd auf Migrant*innen zu machen. Nuno Lourenço wurde bei dem Angriff so schwer verletzt, dass er ein knappes halbes Jahr nach der Tat in Folge seiner Verletzungen verstarb. Im Redebeitrag wurde über die Details der Tat und den desaströsen Umgang der Justiz mit dieser berichtet.

Redebeitrag Gaschwitz: https://ladenschluss.noblogs.org/2020/08/06/antifaschistischer-gedenkrundgang-nach-markleeberg-und-gaschwitz-redebeitrag-gaschwitz-zum-rassistischen-angriff-auf-nuno-lourenco-am-4-juli-1998/

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Antifaschistischer Gedenkrundgang nach Markleeberg und Gaschwitz: Redebeitrag Gaschwitz zum rassistischen Angriff auf Nuno Lourenço am 4. Juli 1998

Niemand ist vergessen.

Der rechte Terror ist in Deutschland schon längst trauriger Alltag, wie hier in Gaschwitz zu sehen ist.

Der portugiesische Zimmermann Nuno Lourenço war wegen eines Montage-Auftrages für ein halbes Jahr nach Deutschland gekommen. Er arbeitete auf der heutigen MDR-Zentrale im Leipziger Süden.

Am 4. Juli 1998, Nuno Lourenços 49. Geburtstag, verließ er mit vier Kollegen die gemeinsame Unterkunft in Gaschwitz (Markkleeberg) bei Leipzig. Während er von einer Telefonzelle aus mit seiner Familie in Portugal telefonierte, verlor das deutsche Fußballteam bei der Weltmeisterschaft in Frankreich gegen Kroatien 0:3 und schied damit aus dem Turnier aus. Dies nahmen Neonazis zum Anlass, Jagd auf Migrant*innen zu machen. Nuno Lourenço und seine Kollegen wurden von Neonazis aus Leipzig und dem Leipziger Umland angegriffen. Während seine Kollegen fliehen konnten, schlugen die mit Eisenketten bewaffneten Angreifer auf Nuno Lourenço ein und schnürten ihm die Kehle zu, bis er am Boden lag. Sie traten weiter mit Springerstiefeln auf ihn ein. Dabei schrien sie rassistische Parolen.

Nuno Lourenço wurde nach dem Angriff mit schweren Verletzungen und inneren Blutungen in ein Leipziger Krankenhaus gebracht. Am 29. Dezember 1998, ein knappes halbes Jahr (später) nach der Tat, starb Nuno Lourenço in Folge des Angriffs an seinen schweren Verletzungen in Portugal.

Als Haupttäter wurde der 21-jährige Andreas Sch. aus Böhlen bei Leipzig ermittelt. Dieser soll mehrmals mit Springerstiefeln gegen den Kopf von Nuno Lourenço getreten haben. Nach eigener Aussage, habe er es dabei knacken gehört. Im Nachgang der Tat sagte er: „Hätte ich ein Messer gehabt, hätte ich dieses Schwein abgestochen.“

Für die Staatsanwaltschaft war das Tatmotiv „Ausländerfeindlichkeit“ klar. Die angeklagten Neonazis gaben selber an, „Ausländer hacken“ zu wollen. Die Anklage lief auf versuchten Totschlag bzw. gefährliche Körperverletzung hinaus. Bei der Urteilsverkündung am 20. September 1999 stellte das Gericht nach mehreren Monaten zwar fest, dass Nuno Lourenço an den Folgen der Tat gestorben sei, doch sei es nicht nachweisbar, dass die Angeklagten seinen Tod billigend in Kauf genommen oder mit Vorsatz gehandelt hätten. Andreas Sch. wurde zu einer Jugendstrafe von vier Jahren verurteilt, seine Mittäter erhielten Bewährungsstrafen und gemeinnützige Arbeitsstunden.

Der Haupttäter trat seine Haftstrafe erst an, als das ARD-Magazin „Monitor“ die Tatsache skandalisierte, dass der zuständige Richter am Leipziger Landgericht, Norbert Göbel, keinen Termin für den Haftantritt bestimmt hatte. Ebenfalls hatte es die Kammer unterlassen, angeblich „versehentlich“, über die Kosten der Nebenklage zu entscheiden. Gleichzeitig wurde darauf verzichtete den angeklagten Neonazis die Kosten des Verfahrens aufzuerlegen. Damit verschuldete sich die Witwe Noemia Lourenço mit über 17.500 Euro, da sie als Nebenklägerin für die Unterbringung und Fahrtkosten der Zeugen*innen aus Portugal aufkommen musste.

Nuno Lourenço wird erst seit 2009 als Opfer rechter Gewalt in offiziellen staatlichen Statistiken aufgezählt. Warum dies mehr als zehn Jahre gedauert hat, bleibt bis heute offen. Viele der damaligen Täter leben heute wieder ungestört in ihrer alten Nachbarschaft, auch hier vor Ort.

Wir wollen, dass Menschen wie Nuno Lourenço nicht vergessen werden, Menschen, die nicht ins rassistische Weltbild von deutschen TäterInnen passten und deshalb ihr Leben lassen mussten.

Niemand wird vergessen, nichts ist vergeben. Organisiert euch in antifaschistischen Strukturen.

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Antifaschistischer Gedenrundgang nach Markleeberg und Gaschwitz: Redebeitrag zum ehemaligen KZ-Außenlager am Equipagenweg

Im Equipagenweg, am sogenannten „Wolfswinkel“, entstand 1944 das KZ-Außenlager Markkleeberg. Es war eines von insgesamt acht Außenlagern des Konzentrationslagers Buchenwald im Raum Leipzig.

Das KZ-Außenlager Markkleeberg gehörte zur Firma Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG Dessau. Die Firma produzierte Flugzeuge für die deutsche Luftwaffe und war einer der bedeutendsten Rüstungsbetriebe im Zweiten Weltkrieg. Ab 1943 baute der Betrieb seinen Standort in Markkleeberg aus, dafür wurden weitere, vor allem billige Arbeitskräfte benötigt.

Ab Herbst 1943 wurde im Equipagenweg ein Barackenlager mit insgesamt 7 Baracken für weibliche KZ-Häftlinge errichtet. Der Großteil der in diesem Lager inhaftierten Frauen und Mädchen waren ungarische Jüdinnen, die im Jahr 1944 von Auschwitz-Birkenau nach Markkleeberg deportiert wurden. Im Februar 1945 wurden zudem 125 französische Widerstandskämpferinnen in das Lager gebracht. Insgesamt waren dort über 1500 Frauen und Mädchen bis zur Auflösung des Lagers inhaftiert.

Das Lager wurde außen von SS-Männern und innen von weiblichen KZ-Aufseherinnen bewacht. Der Kommandoführer des Lagers war der SS-Oberscharführer Alois Knittel, der aufgrund seiner Brutalität besonders gefürchtet war.

Die Häftlinge wurden in Tag- und Nachtschichten in der Fertigung von Flugzeugtriebwerken bei der Firma Junkers eingesetzt. Ein Teil der Häftlinge musste auch lagerinterne Arbeiten übernehmen, andere wurden in einem Baukommando eingesetzt.

Unter den Häftlingen des Lagers war auch die 1930 geborene ungarische Jüdin Zahava Stessel. Im Mai 1944 wurde ihre gesamte Familie in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort wurden alle Familienmitglieder außer Zahava und ihre ein Jahr jüngere Schwester ermordet.
Zahava und ihre Schwester wurden als „arbeitsfähig“ selektiert und Anfang Dezember 1944 zusammen mit 300 weiteren ungarischen Jüdinnen über Bergen-Belsen nach Markkleeberg deportiert.

2009 erschien Zahava Stessels Buch: „Snowflowers“, in dem sie detailliert das Lager und die Lebens- und Arbeitsbedingungen schildert. Im Folgenden wollen wir einige Stellen aus ihren Erinnerungen zitieren:

„Ein gepflasterter Zugang führte von der Straße ins Lager hinein. Auf der anderen Seite waren kleine Häuser; (…). Es gab Wachtürme an drei Ecken des Zauns und große Suchscheinwerfer. Elektrisch geladener Stacheldraht umgab das Lager.“. Die Baracken seien „ungeheizt, kalt und feucht“gewesen.

„Die zweistöckigen Etagenbetten bestanden aus dünnen Holzleisten (…). Jedes hatte einen Strohsack als Matratze. Mit weiteren ankommenden Transporten wurde der Platz knapper (…).“

Zahava wurde anfangs nicht in der Flugzeugfertigung eingesetzt. Zu groß war die Angst der Deutschen, dass neu ins Lager gebrachte Häftlinge Krankheiten mitbringen würden. Zahava musste stattdessen Schwerstarbeit in einem nahegelegenen Steinbruch verrichten:

„Die Arbeit in jenen Kommandos war körperlich eines der härtesten Dinge, die wir zu ertragen hatten. Der Steinbruch war ein berüchtigter Ort, geschaffen für besondere und ungestörte Mißhandlung durch die SS. Die Frauen schufteten in der bitteren Kälte ohne jegliche Art von Schutzkleidung. (…). Die Arbeit war nicht nur körperlich zermürbend, sondern auch gefährlich. (…). (….). Der Steinbruch war nicht weit von den Baracken, auf der anderen Seite der Straße. (…) Vor Angst und Kälte schlotternd, lehnten wir auf unseren Schaufeln und Hacken, um etwas zu rasten. Knittel rannte zu uns (…). Ihm reichte unsere Arbeit nicht, weshalb er begann in alle Richtungen zu schlagen. Ich fühlte das Ende der Peitsche auf meinem Rücken und es schmerzte schrecklich (….).“

Auch im Lager waren die Häftlinge ständig der Gewalt durch die SS ausgesetzt, so erinnert sich Zahava Stessel an die täglichen stundenlangen Appelle:

„Es war qualvoll, stundenlang stillzustehen. Unsere Beine schmerzten in der starren, unbeweglichen Stellung. Für die Kranken konnte es lebensbedrohlich sein. (…). (…). Schließlich kam Knittel (…). Wie die Aufseherinnen benutzte er seinen Stock, um zu schlagen, wenn ihm das Aussehen eines Arbeitsanzuges nicht gefiel oder die Art, wie jemand stand.“

„Unsere Gedanken drehten sich ständig um das Essen. (…). Nahrungsbeschaffung und Arbeit dominierten unsere Existenz.“

„Nichts gehörte uns mehr. Die Deutschen nahmen unsere Kleidung, die Schuhe, unsere Haare und Namen. Wir hatten immer Hunger, waren durchweg müde, dreckig und in einem Zustand der Erschöpfung (..). Die meiste Zeit waren wir (…) ernsthaft krank.“

Am 13. April 1945 wurde das Lager aufgelöst und die Häftlinge von der SS auf einen sogenannten Todesmarsch getrieben. Viele Häftlinge brachen währenddessen kraftlos am Straßenrand zusammen oder wurden von der SS erschlagen oder erschossen. Einigen Häftlingen gelang die Flucht, andere wurden erst nach 2 oder 3 Wochen von den Alliierten befreit.

Zahava Stessel überlebte die Shoa. Nachdem sie nach dem Krieg zunächst nach Ungarn zurückkehrte, wanderte sie später erst nach Israel und später in die USA aus. Zahava Stessel lebt heute in New York.

Der Lagerkommandant und die Aufseher und Aufseherinnen des KZ-Außenlagers Markkleeberg wurden nie für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen. Ein in den 1960er Jahren eingeleitetes Ermittlungsverfahren wurde 1971 eingestellt.

Das ehemalige Lagergelände ist heute noch vom Grundriss her erkennbar. Einige der ehemaligen Baracken sind noch erhalten, sie werden seit 1945 für Gewerbe genutzt.

Zu DDR-Zeiten wurde ein erster Gedenkstein vor Ort errichtet. 1998 wurde dieser auf Initiative einer Überlebenden aus Israel von der Stadt Markkleeberg mit einer neuen Gedenktafel versehen. Zahava Stessel besuchte anlässlich der Einweihung der Gedenktafel 1998 erstmals wieder Markkleeberg und das ehemalige Lagergelände.

Das KZ-Außenlager Markkleeberg und die hier an den Frauen und Mädchen begangenen Verbrechen passierten direkt vor den Augen der Bevölkerung, inmitten deren Alltag und vor deren Haustür. Doch wie vielerorts herrschte auch in Markkleeberg nach dem Krieg Schweigen, laut Zahava Stessel behaupteten viele Einwohner_innen nach 1945, sie hätten von dem Lager nichts gewusst. Sie selbst erinnere sich aber noch sehr genau an die Wohnhäuser neben dem Lager, deren Bewohner von den Balkonen Blick auf den Appellplatz hatten.

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Antifaschistischer Gedenkrundgang on Bikes: 6. August um 17 Uhr, Selneckerstraße/Kirchvorplatz

Leipzig und auch Markleeberg, waren wichtige Zentren der Rüstungsindustrie während des Nationalsozialismus. Zwischen 1939 und 1945 zwangen die Nationalsozialist_innen mehr als 20 Millionen Männer, Frauen und Kinder aus ganz Europa zur Arbeit für die deutsche Wirtschaft, 100.000 waren es allein in Leipzig. Ein System von KZ-Außenlagern entstand innnerhalb und im Umkreis der Stadt. Die Gedenkstätte für Zwangsarbeit geht von 700 Zwangsarbeitsstätten im Großraum Leipzig aus.

Wir wollen mit euch nach Markleeberg, um den Opfern der NS-Zwangsarbeit an den Orten der Verbrechen zu Gedenken. Am Equipagenweg, dem Standort eines Frauenaußenlager des KZ Buchenwald werden wir uns auszugsweise dem Bericht der Überlebenden Zahava Stessel zuwenden. Wir wollen auch an die Opfer des heutigen rechten Terrors erinnern, sowie über die Täter_innen informieren.

Schnappt euch eure Fahrräder und Freund*innen und kommt zu einer antifaschistischen Gedenk- und Fahrradtour. Bringt Fahnen, Getränke und Sonnenmilch mit.

6. August um 17 Uhr
Selneckerstraße/Kirchvorplatz

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Antwort des OBM auf offenen Brief

Am 28. Februar diesen Jahres erhielten wir eine Antwort auf unseren offenen Brief vom 9. Dezember 2019. Zunächst begrüßen wir es, dass die Stadt sich grundsätzlich dahingehend positioniert, die aktuelle Nutzung der Kamenzerstraße 10/12 „nicht dulden“ zu wollen. Was die Benennung von konkreten Maßnahmen anbelangt, verbleibt die Antwort des OBM Jung allerdings mehr als vage, was wir im Folgenden noch einmal herausstellen möchten.

Auch wenn „die Mühlen der Verwaltung langsam mahlen“ sind mittlerweile zwölf Jahre vergangen, seit die ersten Neonazi-Aktivitäten auf dem Gelände bekannt wurden. Dementsprechend hätte die Stadt – und auch OBM Jung, der seit 2006 im Amt ist – bereits seit Jahren die Gelegenheit gehabt, aus Eigeninitiative zu handeln. Dass eine Thematisierung der Situation in der Kamenzer Straße 10/12 vonseiten der Stadt erst nach einem offenen Brief und dem damit verbundenen öffentlichen Druck erfolgte, ist insbesondere problematisch wenn es heißt: „Die Stadtverwaltung Leipzig weiß um die Verbrechen, die auf dem Gelände in Leipzig-Schönefeld […] während der Zeit des Nationalsozialismus geschehen sind.“ Wir fragen uns außerdem, von welchem Vorgehen der OBM spricht, wenn geschrieben wird: „Die Stadtverwaltung wird daher auch weiterhin versuchen, Aktivitäten dieser Nutzer auf dem Gelände zu unterbinden.“ Wenn hiermit die Polizei gemeint ist, dann erscheint uns dieser Umgang mehr als ungenügend: Diese hat zwar in der Vergangenheit einige neonazistische Veranstaltungen aufgelöst, dennoch kann dies nicht als Strategie angesehen werden, der Nutzung des Geländes durch Faschist_innen dauerhaft entgegenzutreten. (Zumal bekannt ist, dass Verbindungen einiger Beamter der Leipziger Polizei zu den Nutzern der Kamenzer Straße bestehen.)

Die Stadt möchte in ihrem Engagement „einen Schulterschluss von Verwaltung und Bürgerschaft.“ Dass in Abstimmung mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteur_innen darüber diskutiert werden soll, wie an diesem Ort ein würdiges Gedenken umgesetzt werden kann, halten wir für sinnvoll. Dennoch wollen wir betonen, dass es in erster Linie in der Verantwortung der Stadt liegt, die eigene nationalsozialistische Vergangenheit aufzuarbeiten. Dafür müssen Gelder bereitgestellt werden, die die Arbeit von Historiker_innen ermöglichen. Die Stadt Leipzig verfügt über die notwendigen finanziellen Ressourcen und auch die verwaltungstechnischen Mittel, um hier zu handeln. Nach dem Lesen der Antwort des OBM befürchten wir allerdings, dass ein solches Bemühen auf rein ehrenamtliches Engagement abgewälzt werden könnte. Im Gegenteil wünschen wir uns aber ein proaktives Vorgehen der Stadt, welche öffentliche Institutionen wie beispielsweise die Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig oder die Jüdische Gemeinde miteinbezieht.

Wir verbleiben gespannt, wie die im Brief angekündigten „fachübergreifend verschiedenen Ansatzpunkte“ aussehen werden und ob diese vor allem auch zeitnah umgesetzt werden. Darüber hinaus hoffen wir, dass die Öffentlichkeit in Zukunft regelmäßig und auf Initiative der Stadt über das aktuelle Vorgehen informiert und somit Transparenz geschaffen wird.

Im Folgenden dokumentieren wir die Antwort des OBM auf unseren offenen Brief:

Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter des Ladenschluss-Bündnisses,
sehr geehrter Erstunterzeichner des offenen Briefes zur Erinnerung an das Frauen-KZ,

der komplexen Zusammenhänge des Ortes Kamenzer Straße 10/12 wegen bitte ich um Verständnis, dass eine schnelle Reaktion auf Ihren offenen Brief nicht möglich war.

Die Stadtverwaltung Leipzig weiß um die Verbrechen, die auf dem Gelände in Leipzig-Schönefeld und im heute noch stehenden Gebäude des ehemaligen KZ-Außenlagers während der Zeit des Nationalsozialismus geschehen sind. Sie weiß um das Leid der Tausenden dort gequälten Frauen. Und sie ist sich der städtischen Verantwortung um einen angemessenen Umgang mit dieser Vergangenheit bewusst.

Die Leipziger Stadtverwaltung stellt sich klar gegen jedes nationalsozialistischen, menschenfeindliche und gewaltbereite Wirken in der Stadt. Einige der heutigen Nutzer des Geländes Kamenzer Straße 10/12 werden vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft. Es ist skandalös und unerträglich, dass gerade an einem Ort nationalsozialistischer Verbrechen wieder militante Rechte aktiv sind. Wir wollen das nicht dulden! Die Stadtverwaltung wird daher auch weiterhin versuchen, Aktivitäten dieser Nutzer auf dem Gelände zu unterbinden.

Die Stadtverwaltung ist um ein würdiges Gedenken am ehem. Frauen-KZ bemüht und wird sich dafür einsetzen, dass dieser Ort zu einem Gedenkort wird. Dies wird sie auch unabhängig davon tun, ob die Obere Denkmalschutzbehörde in Sachsen Teile des Geländes der Kamenzer Straße 10/12 zu einem Kulturdenkmal erklären wird.

Derzeit stimmen sich die Fachämter der Stadtverwaltung intern zum Thema ab. Geprüft werden fachübergreifend verschiedene Ansatzpunkte, um auf dem Gelände einen Gedenkort zu errichten und um damit unvereinbare Nutzungen dort zu unterbinden.

In Kürze wir die Stadtverwaltung auf die Verantwortlichen des Ladenschluss-Bündnisses und weitere Aktive aus der Zivilgesellschaft zugehen, um gemeinsam und vielfältig einen dem Ort und seiner Geschichte angemessenen Umgang zu etablieren. Denn es ist für uns selbstverständlich, dass es beim Engagement für eine freie, tolerante und geschichtsbewusste Stadtgesellschaft einen Schulterschluss von Verwaltung und Bürgerschaft geben muss.

Mit freundlichen Grüßen,

Burkhard Jung

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